HUB-WS 95/96
"Theorien des Radios - Ästhetik und Äther" (3)
Teil 1; Teil2; Teil 3; Teil 4; Teil 5; Teil 6; Teil 7;

Geschichte des Äthers - Elektrizitätsgeschichte II

Thema unseres Seminars ist die Frage nach dem Radio. Beim letzten Mal habe ich weit ausgeholt und die Frage nach dem Radio mit dem ersten Teil einer Geschichte der Elektrizität verknüpft. Heute möchte ich Ihnen alles über den Äther sagen und in der Elektrizitätsgeschichte bis an die Schwelle der Versuche von Heinrich Hertz vordringen.

Das speicherlose Gestell

Wie kann man überhaupt sinnvollerweise eine Geschichte des Radios mit der Geschichte der Elektrizität verbinden und in ihr begründen wollen? Ich will dafür vorab noch einmal eine strukturell-geometrische Begründung voranstellen. (Abb. Verschränkte Kreise)
Das sogenannte "Unterhaltungsradio", das in den frühen zwanziger Jahren plötzlich und überall auf der Welt entsteht, ist das historisch erste technische Medium, das auf trägerloser Elektrizität basiert. Damit ist ein Medium auf der Welt, dem eine wesentliche mediale Eigenschaft zu fehlen scheint, es wandelt Ton und Klang, überträgt ihn auch, aber es speichert nicht. Elektromagnetische Wellen wären der Speicher, aber die sind, wie wir erfahren, nur relativistische Effekte einer elektrischen Energie und es ist leichter, sagt der Physiker Feynman, sich unsichtbare Engel vorzustellen als elektromagnetische Wellen zu beschreiben. Dem entspricht ein wichtiger phänomenologischer Befund. Im einem streng formalen Sinn ist Radio nämlich immer nur jetzt und nur jetzt, dieser Augenblick, unspeicherbar, gebunden an diesen, jetzigen Moment des Radiomedium-Eriegnisses auf der fortlaufenden Zeitachse. Deswegen wohl, sagt McLuhan, ist das Medium "heiß". Vom Radio gestern, vom Radio vor 50 Jahren, wissen wir streng genommen nichts: was wir kennen, sind bestenfalls bruchstückhafte Aufzeichnungen mittels anderer Medien, also Filmtonzelluloid, Wachsplatte, Tonband, übrigens tatsächlich in der Reihenfolge.
Dem Medium Radio fehlt also eine homogene, kohärente Einheit von Wandlung, Speicherung und Übertragung. Das Epos war die Einheit aus gewandelter Sprache im rhythmisierten Versmaß, die Speicherung im Kopf des Sängers und seine Übertragung der Botschaft von Sparta nach Athen. Die Schrift ist eine Einheit aus Vokalalphabet als Wandlung der Phoneme, Speicherung auf Papyrus und Übertragung per Boten. Photografie, Film, Schallplatte, Tonband sind Speichermedien, die Wandlung und Übertragung beinhalten. Das Radio dagegen hinterläßt in einem gegebenen Beobachtungssstem keine Spuren.[1]
Aufgrund des Ausfalls seiner Speicher und all der Spuren, die Speicherung mit sich bringt, widerstrebt dem Medium Radio so etwas, das wir gewöhnlicherweise eben einfach Geschichte nennen. Geschichte, sagte Hegel bekanntlich in den "Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte" basiert auf der "Fähigkeit..., ... aufzubewahren". Zeiträume ohne Aufbewahrungen, also ohne Schrift, "wir mögen sie uns von Jahrhunderte oder Jahrtausenden vorstellen .... sind darum ohne objektive Geschichte" (Werke Bd 12, Frankfurt 1970, S.84). So gesehen wäre das Radio, weil es keine Spuren hinterläßt, "objektiv" geschichtslos.
Genau aber das ist es nicht. Geschichte ist konstituiert durch die Medien der Geschichte, also Epen, Schrift, Papyrus, Codices, Bücher, Filme und Tonbänder. Wenn es Geschichte erstmal gibt, und auch das ist eine der schönen, großen Wahrheiten der zitierten Hegelschen Vorlesung, schreibt sie sich sozusagen selbst fort, dann ist Alles Geschichte und nichts mehr geschichtslos, auch ein Medium nicht, das irgendwann vor 100 Jahren in die Welt kommt, welchem die technische Fähigkeit sich aufzubewahren, sich zu speichern, strukturell fehlt.
Was ich Ihnen nun seit einigen Wochen vorschlage, ist also die Sache umzukehren. Denn nicht eigentlich kennzeichnend für das Radio ist, das es geschichtlos wäre - wir können uns einen solchen Zustand nämlich schlechterdings nicht vorstellen -, sondern daß es, seitdem es existiert, diesen spezifischen Ausfall an Historizität kompensiert, ersetzt, verdeckt, überspielt. Was also ist der Stoff, das Speicherbare, aus dem ich höre? Was ist der Stoff, woraus das kommt, was ich höre? Wir werden den Stoff heute kennenlernen, er hieß und heißt gelegentlich immer noch - der Äther.
Das Radio substituiert sein mediales Speicherungsdefizit. Und hat dabei nicht nur vor-faschistische Äther-Kosmogonien[2] erzeugt, sondern auch sehr konstruktive Dinge. John Cage, der wichtigste Revolutionär der Neuen Musik, hat 1937, also mitten in den "Radio Days", seinen neuen Begriff von Musik direkt dem Mittelwellen-Radio abgelauscht. Und vergessen Sie nicht dem City-Blues der 40er und die Rock 'n' Roll - Pop-Kultur der 50er Jahre, die direkt aus dem Radio kommt. Ebenso hat Radio, wiederum in den 30er Jahren in Amerika, eine ganze Sozialwissenschaft hervorgebracht, in einem Radioforschungsprojekt, mit heute noch wachsendem politischem Machtanspruch, genannt Demoskopie. Weil das Radio sich auch heute noch nicht im strikt technischen Sinne speichern kann, setzt das Radio die Demoskopie an die Stelle und leitet seine Inhalte inzwischen überwiegend aus Verfahren ab, die ursprünglich aus der physikalischen Thermodynamik stammen und aus der Korrelation bestimmter, meßbarer Verhaltensdaten der Hörerschaft pragmatisch abgeleitet werden können. Wollen Radiomacher ihre Frequenzen nicht schnell verlieren, dann müssen sie sich auf diese im Grunde nichtssagenden, aber allesentscheidenden wahrscheinlichen Hörer präzise einstellen. Treffen, mit ihm sprechen, kennenlernen können wir diesen demoskopischen Hörer nie. Wie Günther Anders in der "Antiquiertheit des Menschen" von 1954 zurecht beklagt: der massenmediale Mensch ist kein Mensch sondern reelles Faktum, er ist keine berechenbare, aber deterministische Größe, er ist der reale Speicher der elektronischen Medien, aber als ein natürliches Wesen existiert er nicht.
Daraus folgt, was aus jeder Theorie der Medien folgt, die es ernst meint mit beidem, mit der Theorie und mit den Medien: daß von der Natur des Menschen nicht länger zu sprechen ist sowenig wie von der Natur der Natur.[3] Von der Natur der Natur wird uns die moderne Physik immer wieder erklären, daß sie sie schlicht nicht kennt. Einer der letzten Generalisten dieser Wissenschaft, der bereits zitierte Nobelpreisträger und Atombombenbauer Richard Feynman, sagt uns zum Beispiel, daß Elektrische Kraft genau 4,17 * 10 hoch 42 größer ist als die Graviationskraft, eine naturkonstante Riesenzahl mit 42 Nullen, für die niemand auch nur der Hauch einer Erklärung hat (Feynman 1991,I,116).[4] Zusammenhanglos stehen in der Grundlagenphysik schlußendlich die vier ihr bekannten Grundkräfte nebeneinander: die elektrische Kraft und die Gravitation, deren Wirkungs-Gesetze zwar zusammenhanglos, aber je für sich vollständig bekannt sind, dann, davon getrennt, die schwachen Wechselwirkungen der Kernkräfte, die nur teilweise bekannt sind und subatomate Wechselwirkungen der Baryonen und Mesonen, deren Gesetze noch gänzlich unbekannt sind (45). Das nennt Richard Feynman den "terrible state of our physics", den "schrecklichen Zustand unserer Physik heute"(45), wortwörtlich so in den berühmten Feynman Lectures on Physics.
Feynman:
"Was ist Gravitation?... Was ist mit [ihrer] Maschinerie? Alles, was wir .. beschreiben [ist], wie sich die Erde um die Sonne bewegt, aber wir haben nicht gesagt, was sie bewegt. Newton hat darüber keine Hypothese aufgestellt; ... niemand hat seither irgendeine Maschinerie angegeben. Warum können wir uns bei der Naturbeschreibung der Mathematik bedienen, ohne den dahinter befindlichen Mechanismus zu beschreiben? Niemand weiß es. Wir müssen fortfahren, weil wir auf diesem Wege noch mehr herausfinden."(114)
Ohne weitere Umstände schiebt die moderne Physik ihren Diskurs also auf. Und warum ist es so, daß eine, die dominierende Wissenschaft dieses Jahrhunderts fortfährt, fortfahren zu müssen, reelle Mathematik anschreiben kann, ohne das darin Beschriebene erklären zu können? Wenn sie so wollen, ist das genau Martin Heideggers Frage nach der Technik, der - in den frühen 40er Jahren - als erster diese Verschiebung der Frage registriert hat. 1949, wenige Jahre nach Bekanntwerden der unvordenklichen Greuel der nationalsozialistischen Vernichtungslager, tritt der Parteigenosse im "Club zu Bremen" das erste Mal wieder auf und redet über - die Technik des Radios: "Abgesperrt in den Stückcharakter des Bestandsstücks ist jeder Rundfunkhörer, der seinen Knopf dreht, abgesperrt als Stück des Bestandes, in den er eingesperrt bleibt, auch wenn er noch meint, das An- und Abstellen des Apparats stehe ganz in seiner Freiheit. Doch ... die Menschen ... sind in ihrem Wesen schon auf diesen Charakter, Bestandstück zu sein, gestellt. Setzen wir ... den Fall, daß plötzlich überall auf der Erde aus jedem Raum die Radioempfangsapparate verschwänden - wer vermöchte die Ratlosigkeit, die Langeweile, die Leere sich auszudenken, die mit einem Schlag die Menschen befiele und ihren Alltag durch und durch verstörte? - Es wird hier, wohlgemerkt, nicht über die Rundfunkhörer, auch nicht über den Rundfunk abgeurteilt. Es gilt nur, darauf hinzuweisen, daß in dem Bestand, der Rundfunk heißt, ein Bestellen und Stellen waltet, das in das Wesen des Menschen eingegriffen hat. Weil es so ist, und weil der Mensch nicht von sich aus allein und nie durch sich über sein Wesen entscheidet, deshalb kann das Bestellen des Bestandes, deshalb kann das Ge-Stell, das Wesen der Technik, nichts nur Menschliches sein."(Heidegger 1949, 43)
Sie sehen, daß auch für Heidegger Technik zunächst einmal Medientechnik ist. Und noch genauer: Wenn Heidegger davon redet, daß uns Technik, die nichts "nur-Menschliches" ist, auf eine unvermeidliche Weise umstellt, dann redet er vom Radio. Das ist auch eine Radiotheorie, aber eine andere als die, die nach den sogenannten Inhalten des Radios fragt. Für Heidegger ist Radio der Inbegriff der Technik, und wenn ich Ihnen irgendetwas in diesem Winter nahebringen möchte, dann nur, die Bedeutung dieser Heideggerschen Frage zu erkennen. Es geht nicht um einzelne Programminhalte, sondern um den Diskurs des Radios, oder in Heideggers metaphorischer Redeweise: Wer eigentlich hat das Radio bestellt und zu welchem Zweck? Was ist die Bestellung, die hinter der dem Medium Radio liegt, wenn wir uns schon nicht einmal mehr vorstellen können, wie es wäre, wenn es weg wäre, abgeschaltet, abgestellt? Das Radio - und heute natürlich das Fernsehen ebenso - hat in diesem Heideggerschen Sinn die gleiche reelle Realität, wenn sie mir diesen Pleonamus erlauben, wie die moderne Grundlagenphysik ihren reellen exakten mathematischen Gleichungen hat, die, schrecklicherweise, sagt Feynman, dazu da sind, mit ihnen fortzufahren, während alle Fragen nach dem "Was ist" auf eine bestimmte Weise unmöglich werden.

Leonhard Euler und Poren des Äthers

Ich habe Ihnen diesen langen Umweg übers Radio zurück in die Physik und wieder zurück ins Radio angetan, um Ihnen deutlich zu zeigen, daß wir in der Tat nicht mehr im 19. Jahrhundert leben. Denn der Diskurs Physik des 19. Jahrhundert hat alle diese Antworten, die die Physik des 20. Jahrhunderts vielleicht ja sogar strategisch; sie hat Erklärungen oder besser sie behauptet, eine Erklärungswissenschaft zu sein. Sie stellt nicht nur alle "Was ist"-Fragen in großer philosophischer, zum Teil religiöser und vielfach sogar spiritualistischer, ja okkultistischer Leidenschaftlichkeit, sie ist nicht nur deshalb, wie wir sehen werden, Verursacherin eines ziemlich weitverbreiteten Spiritualismus und Okkultismus, der vor allem gegen Ende des Jahrhunderts seine bedeutende Wirkung hat, sondern sie hat, bei alledem, ein jahrhundertealtes Konzept, ein Vorstellungsbild zur Hand, das in diesem Jahrhundert sozusagen ein letztes Mal tausendfach variiert wird und heute völlig vergessen ist, nämlich den Äther.3Ein studierter Mensch, was Latein und Griechisch betrifft, und kennt aus Homer und Herodot das klassische Gegensatzpaar zwischen "Aär" und "Äthär" und das Dunkel der sagenumwobenen Orphiker, die im Äther die drei Strahlen spüren: "Mätis", "Phoos" und "Zoä", welche zusammen die warme und feurige Weltseele ausmachen. Die dicke Luft der menschlichen, nebelverhangenen Finsternis - aer, und der blaue, lichte Himmel der Götterwohnung darüber - Äthär. Aristoteles rubriziert den Äther, neben Luft, Wasser, Erde und Feuer, als das legendäre fünfte Element, lateinisch "Quinta Essentia", die Quintessenz. Das Gegensatzpaar: gewittrige Menschenluft - blauer Götterhimmel, ist stark genug, um ziemlich gleichlautend in dem lateinischen aer und aether aufzuleben, das Himmelsfeuer bezeichnend, in welchem bis weit in die Scholastik zwar eben nicht der Mond, aber doch alle übrigen Gestirne zuhause sind und in deren Zwischenräumen Jupiter lebt, der aetherische, der sich gelegentlich im fruchtbaren Regen auf die Erde senkt.
Reine Ideengeschichten machen es bekanntlich einfach, über die Jahrhunderte zu springen, und der Äther ist und bleibt über alle Jahrhunderte die Mächte des jeweils Irdischen verklärende Idee. Deswegen muß, als Kopernikus, Tycho Brahe und Kepler im 16. Jahrhundert die Gesetze der Planetenbewegungen herausrechnen können, als also die Bahn der Erde um die Sonne einer Ellipse folgt und die von der Erde überstrichenen Himmelsflächen dabei unverändert bleibt, als also Mathematik und Potenzrechnung im Himmel Platz greifen, muß endlich, wie beim letzten Mal berichtet, der Fortificator und Militäringenieur Rene Descartes die Hypothese doch wohl wagen, daß der ehemals göttliche Äther nun das Element der reinsten militärischen Mechanik ist.
Descartes, ein Franzose von 1650, hatte den Äther also für den Träger und die Ursache des Lichts erklärt. Ich kann Ihnen nicht die nun folgende, 250 Jahre währende Geschichte des Äthers aufblättern, sondern nur kurz an unsere letzte Sitzung erinnern, und also an Isaac Newton, einen Engländer von 1680, der dem Äther, zumindest offiziell, weil Physik ja auch immer Politik ist, widersprechen mußte. Ein Planet, wendet Newton in seinen "Optics" ein, der so berechenbar gleichförmig seine Bahn durchs All zieht, nur abgelenkt zur Ellipse durch die Gravitation, müßte der nich gebremst und abgelenkt werden durch den Ätherstoff? Un er errechnet, daß, wenn dieser Stoff materiell existiert, er diese Bremswirkung haben müsse, nur diese Bremswirkung lasse sich durch keine Berechnung der Planetenbahnen nachweisen. Konsequenterweise unterstellt Newton den Weltraum als einen im Prinzip leeren Raum und muß nun seinerseits auch für das Licht eine andere, nämlich rein korpuskulare Theorie entwickeln, nämlich so, daß auf grader Linie von der Sonne Teilchen "emaniert" werden, also herausgeschossen werden, corpuscula, die uns in die Augen fliegen.
Aber auch diese Newtonsche Theorie der gradlinig sich ausbreitenden Lichtkörperchen hatte ihre gewaltigen Schwächen. Sie paßte, schon zu Newtons Lebzeiten, nur schwer mit den Brechungs- und Beugungsphänomen des Lichts zusammen, die man in den damals bereits experimenfreudigen Labors, zum Beispiel von Huygens bereits beobachtet wurden. Und genau betrachtet paßte die Koprpuskeltheorie nicht einmal zu Newtons eigenen Hypothesen, was ihm, 80 Jahre nach Erscheinen der Optivs, Leonhard Euler, der Mathematiker aus Petersburg und wichtigster Einflußgeber Kants, nachrechnete, und zwar in dem damals populärsten Physikbuch des 18. Jahrhunderts: Die Gewalt, mit der die Lichtteilchen aus der Sonne, nach Ansicht Newtons, herausgeschleudert werden, "müßte freilich erschrecklich sein," schrieb Euler, "wenn sie den Stralen diese unbegreifliche Geschwindigkeit mitteilen sollte, durch die sie in acht Minuten von der Sonne bis zu uns kommen. Aber wir wollen jetzo sehen, ob diese Erklärung mit der eigentlichen Absicht des Newton, ein absolutes Leere in den Himmel zu bringen, damit die Planeten keinen Widerstand finden sollen, bestehen kann. Euer Hochwohlgeboren werden leicht einsehen, daß der Himmelsraum, anstatt leer zu sein, [nun] mit Stralen, nicht bloß von der Sonne, sondern noch außerdem von allen Sternen, erfüllt sein wird, die von allen Seiten und nach allen Gegenden, und noch dazu mit der größten Geschwindigkeit durch ihn hindurchfahren. Die himmlischen Körper also, die durch diesen Raum sich bewegen, finden anstatt einer vollkommnen Leere, die Materie der Lichtstralen in der erschrecklichsten Bewegung, durch die diese Körper weit mehr in ihrem Lauf gestört werden müssen, als wenn diese Materie in Ruhe wäre. Newton also, der besorgt war, daß eine dünne Materie, wie sie Cartesius annahm, den Lauf der Planeten stören möchte, gerieth auf ein sehr seltsames und seiner Absicht gerade entgegenstehendes Hülfsmittel; wenn man bedenkt, daß durch dieses Mittel die Bewegung der Planeten eine unendlich größere Zerrüttung leiden müsse." Und Euler schließt: "Ein sehr trauriges Beispiel von der menschlichen Weisheit, die, indem sie einer gewissen Schwürigkeit ausweichen will, in weit größere Ungereimheit verfällt."
Ich habe zitiert aus den "Briefen an eine Deutsche Prinzessin über verschiedene Gegenstände aus der Physik und Philosophie", die Leonhard Euler ab 1760 der 15 jährigen Markgräfin Friederike von Herford geschickt hat zur Unterweisung und Lehre. 1769 erschienen,, zunächst auf französisch, dann von Euler auf deutsch übersetzt, im 18. und 19. Jahrhundert in 15 Auflagen weit verbreitet, von Goethe, Diderot und Schopenhauer gleichermaßen gepriesen, faßt Euler in diesen Briefen das gesamte phsikalische Wissen seiner Zeit im schönsten preußischen Lehrerton eines Aufklärers zusammen - ein literaturgeschichtlich absolut einmaliger Text.
Er bringt uns zur Elektrizität zurück. "Ich behaupte" nämlich, sagt Euler, "daß die Elektrizität nichts anders, als eine Stöhrung im Gleichgewicht des Aethers sey." "Euer Hochwohlgeboren werden sich erinnern, daß alle Körper, so dicht sie auch scheinen mögen, mit ... Öffnungen angefüllt sind; und viele Erfahrungen beweisen unwidersprechlich, daß die Pori in allen Körpern mehr Raum, als die dichten Theile einnehmen."(161) "Hieraus ersehen Euer Hochwohlgeboren, daß ein Körper auf zwei verschiedene Weisen elektrisch werden kann, nachdem der Aether in seinen Poris mehr oder weniger elastisch wird, als der Aether außer derselben; daher eine doppelte Elektrizität stattfinden kann. Die eine, wo der Aether ... stärker zusammengedrückt ist, heißt die positive Elektrizität; die andere, wo der Aether ... mehr verdünnt ist, nennt man die negative Elektrizität"(163)
Damit ist das Schema der atmossphärischen Elektrizität, das Benjamin Franklin nach dem Modell des symbolischen Papiergeldumlaufs entwickelt hatte, auf das älteste physikalische Modell rückübertragen: den Aether. Euler aber ist Mathematiker; von ihm stammt nicht nur die Sinusfunktion e**ix = cos(x) + i*sin(x), die Eulersche Konstante, der Eulersche Winkel, sondern vor allem eine Normalisierung der Differentialrechnung und die Begründung des mathematischen Begriffs der Funktion, also y = f(x), so wie wir die Sache noch heute in der Schule lernen. Euler wurde von allen gelesen, nicht nur von Goethe und Diderot, sondern vor allem natürlich von den napoleonischen Mathematikern Laplace, Biot und Andre Marie Ampere (1775-1836) . Von Euler stammt nämlich eine Ätheridee des Magnetismus, die für den Fortgang der Geschichte der Elektrizität ganz entscheidend wird.
"Der Magnetismus aber läßt sich nicht erklären", schreibt Euler dem Fräulein Frederike, "außer man nehme einen schnell bewegten Wirbel an, der die magnetischen Körper durchdringt. Die Materie, woraus solche Wirbel bestehen, ist auch viel subtiler als der Aether" und diese "magnetische Materie [ist] eben so in dem Aether zerstreut und mit ihm vermengt, als der Aether mit der gröberen Luft vermengt ist. ... Eure Hoheit werden sich leicht viele ähnliche flüssige Dinge vorstellen, deren eines immer subtiler ist als das andre, und die doch vollkommen mit einander vermengt sind."(217) Euler hat damit sozusagen ein infinitesimales Aetherkonzept gefunden, d.h. im Elementaren der Bausteine der Natur gibt es eine Ordnung der Teilchen, die immer weitere Teilchen einschließen, die wieder Teilchen einschließen, so daß, wie Euler schreibt, "diese Progression noch weiter geht und daß der Aether eine noch weit subtilere Materie in sich schließt, welches die magnetische Materie ist; vielleicht sitz in dieser wieder eine andere noch subtilere, wenigstens würde das nicht unmöglich sein".
Die Funktionsweise eines Magnetsteins - und Euler kennt 1760 ja nur magnetische Wirkungen von natürlichen Magneteisen - wird dem Fräulein Frederike einfach so erklärt, daß ein solcher Stein, ähnlich wie Descartes es gedacht hatte, von unendlich vielen feinen Kanälen durchzogen ist, die wie Blutgefäße in einem Körrper. Kleinste Röhren mit zottelartigen Klappen an den Wänden mittem im Äther der Poren des Eisensteins, sodaß die Magnetmaterie nur in einer Richtung durchgelassen, ja durchgepresst werden kann - vergessen wir nicht, Euler ist der Begründer der Hydrodynamik und damit der Ahnherr aller Wasserwirtschaftsmathematik -, sodaß die Magnetmaterie mit Ätherpresswucht in diese Kanäle hineingedrückt und wieder herausgepresst wird, im hohen, gekrümmten Bogen um den Stein herumzufliegt, um auf der anderen Seite wieder in den Stein hineingepresst zu werden.(218ff)
Gravitation, Elektrizität und Magnetismus werden von Euler durch den gleichen, ausgeklügelten, natürlich real existierenden Mechanismus des Äthers erklärt. Die Aufklärung, der Euler angehört, hat überhaupt kein Problem damit, die infinitesimalen Größenordnungen, d.h. die unvorstellbar unendliche Kleinheit der Ätherteilchen, die noch andere Teilchen einschließen, die vielleicht noch andere Teilchen einschließen, anzuschreiben, denn sie hat genau dafür die Mathematik eben standardisiert, genannt Infinitesimal, Differential- und Integralrechnung, der moderne Notation, so wie wir sie kennen, praktisch von Euler hergerichtet worden ist.
Das nunmehr prinzipiell mathematisch anschreibbare Äthermodell des späten 18. Jahrhunderts ist das Realmedium, in dem das 19. Jahrhundert, in Gestalt zweier Mathematiker, nämlich Andre Marie Ampere und James Clerk Maxwell, die Geschichte der Elektrizität zuende schreiben werden und zwar genau bis zu dem Punkt, wo einerseits das Radio entsteht und andererseits die Relativitätstheorie. Ich werde also die heutige Stunde damit beschließen können, ihnen gezeigt zu haben, daß zumindest elektrizitätsgeschichtlich das Medium Radio und Relativitätstheorie komplementär sind.
Andre Marie Ampere, der seinen Namen bekanntlich der Welt für die Einheit der Stromstärke überlassen mußte, hat keine Schule besucht, was mit dem Versuch seines aristokratischen Vaters zu tun hat, den aufdämmernden Wirren der Revolution durch Flucht in ein französisches Dorf zu entfliehen, was mißlang, und für den Vater, 1793 in Lyon, mit dem Tod auf dem Schaffot endete (Arago 1854,10). Andre Marie, ein Gedächniswunder, hatte, statt Schulbesuch, die 20 Bände der Diderotschen Enzyklopädie von A bis Z gelesen und konnte noch Jahrzehnte später, zur schamroten Verblüffung der Akademiekollegen, ganze Artikel über Falknerei und Wappenkunde auswendig hersagen. Ampere hat Latein gelernt, indem er, als 15jähriger, die mathematischen Werke Eulers im lateinischen Orginal las, in welchem sie sich, zu Freude und Leid Friedrich Kittlers, ja immer noch weitgehend befinden. Nach dem Tod des Vaters verfiel er in ein monatelanges autistisches Schweigen, um sich danach botanischen Studien und der Einordnungsfrage der Begonie in Sparte der incertia sedis zuzuwenden; er hatte bereits eine Tragödie über den Tod Hannibals verfaßt, von ihm ist schülstigeste schwülstigste Lyrik erhalten, sowei eine Einleitung in die Philosophie, eine Theorie des Daseins und der absoluten Moralität, er war ein offener und später geheimer Anhänger des Mesmerismus, also der Kunst mit Magnetsteinen Krankheiten zu heilen, die nebst aller hyponitischen Sceancen, die damit verbunden waren, trotz aller napoleonischen Verbote, immer noch sehr en vogue war; gleichzeitig erschien eine Abhandlung über mathematische Wahrscheinlichkeitstheorie sowie eine Theorie der Anwendbarkeit der Variationsrechnung auf Probleme der Mechanik, - kurz: Andre Marie Ampere, ein genialer Exzentriker der Revolutionszeit, hat sich, wenn sein Biograph Arago nicht irrt, sein Leben lang eher mit Psychologie, metaphysischen Magnetismus und abstrakter Mathematik beschäftigt, und nur sehr kurz, nämlich keine sechs Jahre lang, mit experimenteller Physik.
Die Entdeckung Oerstedts, mit der wir das letzte Mal geschlossen haben, nämlich die Entdeckung von 1820, daß eine magnetische Nadel durch diesen neuen wundersamen voltaschen Stromkreis abgelenkt wurde und nun nicht mehr nach Nord oder Süd, sondern auf den elektrisch glühenden Draht zeigte, - diese Entdeckung, in Genf zunächst nachvollzogen, schlug in Paris auf der routinemäßigen Montagssitzung der Akademie am 11. September 1820 wie eine Bombe ein, zumal die offizielle postnapolenische Mathematik und Physik Coulombs, Laplace und Biot's bis dahin von einer strikten Trennung der entsprechenden Fluida ausgegangen war und also das Phänomen schlicht für unmöglich erklärte.
Ampere, gerade wieder einmal als eine Art Schulaufseher in der Ecole Polytechnique tätig, hat in einer später vielgerühmten Wochenfrist, also am Montag den 18. September 1820, den noch einmal mehr staunenden Akademiekollegen das Prinzipexperiment vorführen können, daß seither als das Amperesche Gesetz in die Schulbücher der Elektrotechnik eingegangen ist, nämlich: zwei glühende Drähte einer Voltaschen Batterie, die sich anziehen, wenn der Strom in gleicher Richtung fließt und sich abstoßen, wenn der Strom gegensinnig fließt. (Zch 1)
Damit war klar: Oerstedts Effekt ist nicht ein Effekt "electro-magnetique", sondern eine Effekt einer neuen physikalischen Wissenschaft namens "Elektro-Dynamik", denn bei der Anziehung von zwei Stromleitern ist ja kein Magnet mehr im Spiel. Ampere kreiert deshalb den Begriff der Elektrodynamik, Dynamik in Abhängigkeit von Elektrizität, denn alle dynamischen Kräfte waren ja verflogen, wenn man nur die elektrischen Kabel von der Volta-Säule löste.
Im Laufe der nächsten Jahre entwickelte Ampere seinen berühmten "Galvanometer", also eine geeichte Magnetnadel zur Strommessung, und konnte zeigen, daß die Anziehungskraft der beiden Drähte dem reziproken Abstandsquadrat, also dem Newtonschen Gravitationsgesetz entsprach, und daß die Kraft proportional war der Stärke des Stroms - Ampere hat überhaupt als erster den Unterschied zwischen Spannung und Stärke definiert, letztere heißt deswegen heute Ampere -, und weiterhin, daß Anziehungs- und Abstoßungskraft äquivalent waren. Die Wirkung des Magnetismus - das ist (und man muß sagen bleibt) Ampere's Entdeckung, ist also einzig und allein eine Funktion fließender elektrischer Ströme. "Wäre da nicht der einfachste Gedanke", schreibt Ampere 1822, "welcher sich sofort demjenigen, der die.. konstante Richtung der [irdischen Magnetnadel] zu erklären suchte, aufdrängen würde, in der Erde [selbst] einen elektrischen Strom anzunehmen, der so gerichtet ist, daß der Norden links von einem Menschen wäre, der mit dem Gesicht zur Nadel gerichtet, auf der Erdoberfläche liegend, diesen Strom in der Richtung von seinen Füßen zu seinem Kopf empfangen würde, um daraus zu schließen, daß der Strom von Osten nach Westen fließt, in einer zum magnetischen Meridan senkrecht liegenden Richtung?"(Ampere 1822, 499)
Die Erde als stromdurchflossene Drahtspule - auch das eine Ampere'sche Idee, der nun umgekehrt als erster eine solche Drahtspule technisch nachbaut, auf Anregung von Laplace und Arago, und sie als stromgetriebenen Stabmagnet, also eine Art stromdurchflossene Magnetnadel aufhängt, sodaß sie sich nach Norden ausgerichtet - haben soll, müssen wir sagen, denn die Ampere-Forscherin Christine Blondel (1982) sagt uns, daß Ampere viele seiner späteren Experimente nur noch erdacht, aber nicht mehr ausgeführt hat.
Ampere denkt sich den elektrischen Strom, ganz so wie Oerstedt zu Anfang des Jahrhunderts, als eine Doppelbewegung zweier konfligierender elektrischer Flüssigkeiten, die in ihrer Überlagerung einen gleichsinnig gerichteten Ätherstrom im stromdurchfluteten Leiter erzeugen, welcher dann seinerseits, nach dem Eulerschen Modell eine magnetische Wirkung erzeugt, weil ja die magnetische Materie als im Äther einbeschlossen gedacht werden kann. Warum aber diese magnetischen Wirkungen, durch die Ätherbewegung veranlaßt, rechtwinklig auf die Stromrichtung wirke, müsse einer globalen hydrodynamischen, Metaphysik und Psychologie, Instinkt und Seelenkunde einbeziehenden Theorie des Äthers vorbehalten bleiben, für deren mathematische Anschreibung Ampere die Zeit nicht reif sah.
Die Zeitgenossen setzten zunächst nicht viel Vertrauen in Ampere und seine Experimente. Nicht nur, weil in seiner mathematischen Stromgrundgleichung Sinus- und Cosinus-Funktionen enthalten waren; solche Winkelfunktionen kamen bei Newton ja nicht vor und konnten daher auch keine sauberen Naturgesetze sein. Die korrekte mathematische Formulierung des Ampere'sche Gesetzes stammt denn dann ja auch nicht von Ampere, sondern von Jamey Clerk Maxwell, den wir noch kennenlernen werden. Vor allem aber waren die Ampere'schen Experimente außerhalb von Paris nicht so einfach nachbildbar, wegen der äußerst mangelnden und schwankenden Qualität der vorhandenen Volta-Säulen. Für die Elektrofreaks unter Ihnen will ich hier nur am Rande darauf hinweisen, daß der spätere Lehrer an der preußigen Kadettenschule, namens Georg Ohm, der Ampere's erste Veröffentlichungen gelesen hatte, einsam und allein, 1827, seine nach im benannte Gleichung I = U/R, also Stromstärke = Spannung durch Widerstand, eben niemals mittels der schwankenden Spannungen Voltascher Säulen hätte finden können, sondern mittels einer Thermoelement-Anordnung herausexperimentierte, ein Wismutbügel mit aufgeklebtem Kupferstreifen, an einer Seite in Eiswasser steckend, an der anderem in einem Topf mit kochendem Wasser.(Meya 1990, 148) Die Entdeckung, daß man mit einer Temperaturdifferenz an Leiter-Enden ebenfalls Spannung und Strom erzeugen konnte, war dem Berliner Goethefreund Thomas Johann Seebeck zu verdanken, oder besser gesagt, seinen warmen feuchten Händen, mit denen er 1822 zufälligerweise ein kaltes großes Stück Wismut berührt hatte, das an einem Galvanometer angeschlossen war, der daraufhin leicht ausschlug (Lemmerich 1991, 96).
Wenn wir das, was der exzentrische Enzyklopädist, Botaniker, Mesmerist und Mathematiker Andre-Marie Ampere in die Elektrizitätsgeschichte eingebracht hat, auf unserem Diskursschema von Symbolisch = Vorstellungen, Reell = Mathematik und Imaginär = Experiment abbilden würden, so hat Ampere, mit einem einfachen, aber schlagenden Experimentaufbau den entscheidenden Fortschritt im Reellen gesetzt, in einer, wenn auch noch verbesserungswürdigen mathematischen Formel für den magnetischen Fluß um stromdurchflossene Leiter und damit symbolisch interpolierbare, prinzipielle Einsicht, daß Magnetismus ausschließlich und nur ein Effekt von Elektrizität ist. Dies implizierte seine Formel mathematisch ein für allemal und gültig bis auf den heutigen Tag, ohne aber die Wirkungsmechanik des Zusammenhangs, d.h. also die Äthermechanismen zu erklären. Ampere starb 1836, 10 Jahre nach der entgültigen Formulierung seiner elektromagnetischen "Theorie des phenomenes electrodynamique", unter zusätzlicher Hinterlassung einer 'Theorie der Organisation der gegliederten Thiere', die eine Generation vor Darwin behauptete, der Mensch stamme von einer Art "Grundtier" ab, eines "Versuchs über die Philosophie der Wissenschaften bzw. Darlegung einer natürlichen Klassifikation aller menschlichen Erkenntnis"; aber auch einer Schrift über die "Zukunft der Chemie", die er sogleich vernichten ließ, weil er, in einem Zustand "mystischer Exaltation", wie Arago schreibt, sich plötzlich vom Teufel besessen fühlte und das Buch für eine satanische Eingebung hielt (80), was er kurz darauf bedauert haben soll.
Nicht also über eine Theorie des Äthers, oder eine Metaphysik der philosophischen Wissenschaften sollten nunmehr die weiteren, letzten und entscheidenden Schritte in der Entwicklung der Elektrizitätsdiskurses laufen, sondern über die technische Standardisierung des Experiments und über Gott und die Bibel.
Es gibt in der Tat in der reichhaltigen Literatur zu Michael Faraday, von dem jetzt die Rede sein soll, in diesen beiden Punkten keinen Dissenz. Niemand in der Geschichte der Elektrizität hatte bis dahin je genauer gemessen, sorgfältiger aufgebaut, beschrieben, geprüft und wiederholt gemessen, in aber und abertausenden von Einzelexperimenten; niemand hatte je in der Geschichte der Elektrizität seine Laborarbeit genauer protokolliert, Paragraf für Paragraf, weit über 7000 an der Zahl, die tägliche Arbeit beschrieben in dutzenden von eigenhändig gebundenen Foliobänden; niemand hatte gründlicher die wissenschaftliche Forschergemeinschaft über jeden Einzelschritt in zahllosen Veröffentlichungen informiert und darüberhinaus in unzähligen Briefen mit fast allen führenden Physikern seiner Zeit in Kontakt gestanden als dieser gelernte Buchbinder Michael Faraday, der, wie Ampere, nie eine Schule besucht hatte, und als reiner Autodidakt, zeitlebends ohne tiefere mathematische Kenntnisse bleibend, sich das gesamte Wissen der Chemie und Elektrodynamik angeeignet hatte, das seiner Zeit zur Verfügung stand.
Faraday machte alle seine berühmten Entdeckungen: die magnetische Induktion, die Erzeugung von Elektrizität durch das Dynamoprinzip, die Proportonalgesetze der Elektrolyse, die Entdeckung des magnetischen Verhaltens nichtmagnetischer Stoffe und die Polarisationsänderung des Licht durch Magnetismus, in einem einzigen großen Laborraum im Keller der "Royal Institution of Great Britain", eine von Födergeldern abhängigen londoner Einrichtung, in welcher die nunmehr führende europäische Industriemacht England ihrem Mittelstand und einigen Gewerken eine kleine Forschungseinrichtung geschaffen hatte. Die Royal Institution veranstaltete öffentliche Vorlesungen über die damals industriell entscheidenden Themen aus der Chemie und Elektrizitätsforschung, nebst Demonstrationen selbstverständlich des Prinzips der Dampfmaschine, die gerade dabei war, zum zentralen Antriebssystem des neuen Fabriksystems zu werden, etwa so wie heute der Computer dabei ist sich zum zentralen Informationssystem der Industriegesellschaft zu entwickeln. Mit den entsprechenden Fragen und Lerndefiziten kam man, als Meister, als Unternehmer, als Beamter, in die Royal Institution des Jahres 1810 und zahlte für die Unterrichtung. Humphrey Davy, der erste Leiter der Royal Institution, Begründer der Elektrochemie und vom Kriegsfeind Napoleon dafür persönlich geehrt, hatte zum Beispiel 1815 die Davy'sche Sicherheitsgrubenlampe erfunden, die die Schlagwetterkatastrophen der immer tiefer täufenden Kohlbergwerke Englands, wie man bei Marx nachlesen kann, vermeiden half.
Faraday arbeitete sein Leben lang in dieser Royal Institution wie Kant sein Leben lang in Königsberg. Faraday zunächst als Buchbinder, dann als Laborhelfer, schließlich als Leiter des Instituts. Sein Vater war Schmied und gehörte einer kleinen religiösen Sekte an, Glasiten oder auch Sandemanier genannt, die ähnlich wie die Quäker, die Society of brothers, im industriellen England der 18. Jahrhunderts sich gegen die chaotische Verelendung des Landlebens durch die Industrialisierung gebildet hatten, also jenes "Opium des Volkes" darstellten, das Marx in den 40er Jahren des Jahrhunderts dann so geißeln sollte. Die Bibel und nur die Bibel war die Grundlage der Sandemanier, keine Macht auf Erden war zu akzeptieren, keine Missionsarbeit, schlichtes Dienen vor Gott, gemeindeöffentliches Bekenntnis und gemeindeöffentliche Beichte, Aufnahme in den Glauben nur durch Heirat oder Geburt. In London umfaßte diese Sekte etwa 100 Seelen, und Michael Faraday gehörte ihr führend an, verbrachte jeden Sonntag ausschließlich in dieser Gemeinde, ohne davon je öffentliches Aufhebens zu machen.
Die Frage, was dies mit dem Diskurs der Elektrizitätgeschichte des 19. Jahrhunderts zu tun hat, ist schnell beantwortet. In der Bibel findet man bekanntlich nichts über einen Äther und ebensowenig über Elektrizität oder Magnetismus, dafür aber über 300 mal das Wort "Gesetz" (Cantor 1991, 203). Für Männer und Frauen, die seit Generationen nur die Bibel, also das Schiksalsbuch der mosaischen Gesetze, für Gesetz halten, gibt es keinen anderen, keinen fundamentaleren Begriff. Michael Faraday, der es vom kleinen Buchbinder, Reisebegleiter und Laborhelfer zum wissenschaftlichen Mitarbeiter gebracht hatte, tritt 1821 mit öffentlicher Beichte und feierlichem Gelöbnis in die Gemeinde der Sandemanier ein. 1821 hatte er sein erstes Gesetz der Elektrizität gefunden, das seinen Ruhm begründete: den Nachweis der elektrischen Rotation (Abb. Cantor 232).
Elektrische Rotation heißt: Ein Magnetfeld "rotiert" kreisförmig um einen stromdurchflossenen Leiter. Anders als Oerstedt, der dem Magnetismus ohne jedes Eperiment eine spiralenförmige Kreisbahn um den Leiter andichtet, und auch anders als Ampere, den die Kreisförmigkeit des Effekts schlicht unterschlagen hatte, findet Faraday mittels eines einfachen, aber doch ausgeklügelten Experiments, die kreisförmige Bewegung. Ein sehr fein aufgehangener Stabmagnet umkreist den stromdurchflossenen Leiter mit dem Pol, der von ihm abgestoßen wird; umgekehrt kreist ein fein aufgehangener Leiter einen festverankerten Stabmagneten, sofern der dem Leiter zugewandte Pol diesen abstößt. Das sieht sehr simpel aus, wurde aber bis dahin, also 1821, von niemand beobachtet und führte zu einem grundsätzlichen Streit mit Ampere.
Die Bibel nämlich erlaubt der wortgläubigen Bibelsekte keine Mathematik. Wenn ich dem Wissenschaftshistoriker Geoffrey Cantor glauben darf, der vor ein paar Jahren ein ganzen Buch zum Thema Faraday, Bibelreligion und Wissenschaft geschrieben hat und im Unterschied zu mir, den gesamten Faraday, also etwa alle 20 dicke Bände Veröffentlichungen, Labortagebücher und erhaltene Briefe durchgesehen hat, so hat Michael Faraday in seinem ganzen wissenschaftlichen Leben tausender physikalischer Experimente nicht einen einzigen algebraischen Buchstaben niedergeschrieben, geschweige denn ein Zeichen oder Symbol aus der Analysis. Die Bibel rechnet nämlich, wenn überhaupt, numerisch, das heißt sie zählt. Sie zählt und vergleicht, sie wägt und mißt ab, bestimmt Größen und kehrt sie um, und bleibt, mathematisch gesprochen, auf der Kardinalzahlebene. Genauso Faraday. In dem nach ihm benannten Faradayschen Gesetz aus der Elektrolyse wird ja auch nur eine Äquivalenz festgestellt, nämlich m = I * t. Die an den Elektroden abgeschiedene Stoffmasse ist dem Produkt der Stromstärke und der Stromdauer immer äquivalent. Das hatte Faraday durch hunderte von Experimenten numerisch herausgefunden. Aber jenseits solcher numerischen Äquivalenzen glaubte Faraday offenbar, daß Mathematik nicht die angemessene Sprache sei, um Gottes Natur zu verstehen (Cantor 1991, 217). "Ich kann mich nicht erinnern", schreibt Faraday 1833, "daß Mathematiker je etwas wirklich vorausgesagt hätten. Die Fakten sind immer der Mathematik vorausgegangen, wo sie keine hatten, blieben sie oft unvermutet, obwohl man sie hätte finden können und wo Fakten gegeben waren, waren die Berechnungen nun wieder viel zu ungenügend um ihre wirkliche Natur zu verstehen, bis wiederum Fakten dazukamen, um weiterzuhelfen."(Faraday 1833, in 218).
Die Sandemanier betrieben noch eine andere Art von einfacher Mathematik: nämlich das Losziehen. Ausgelost wurde, wer beim Sonntagsgottesdienst hinten sitzen, wer in Versammlungen diesen und jenen Part übernehmen mußte, denn auch Moses war von Gott instruiert, das gelobte Land durch Los auf die verschiedenen Familien und ihre Mitglieder zu verteilen. Deshalb, der Göttlichkeit des Losglücks wegen, durften Sandemanier bei Strafe des Gemeindeausschlusses keine weltlichen Karten, keine Würfel- oder Glückspiele zocken. Ein Los ist göttlich und die Fakten und reproduzierbaren Effekte der Elektrodynamik sind es auch. Wenn aber Fakten der Wissenschaft wie die Lose Zeichen göttlichen Ursprungs sind, dann wird jede Mathematik, die solche Wahrscheinlichkeiten anzuschreiben versucht, das gegebene oder das mögliche Zeichen nur zerstören, auslöschen und unleserlich machen. Das ist der sektengläubige Grund, warum der wichtigste Physiker der neueren Elektrizitätsgeschichte die reellen Diskursteile seiner Wissenschaft nicht kannte, nicht verstand und verwarf.
Was also waren die Kräfte, die einen Magnetstab um einen stromdurchflossenen Leiter rotieren ließen? Wenige Tage vor dem Experimentalaufbau entwarf Faraday in sein Tagebuch dieses Modell der im Raum tätigen Kreiskräfte. (Zch 2) Gleichlaufende Kreise ziehen sich in ihrem gegensinnigen Schnittpunkt an, gegenläufige Kreise stoßen sich in ihrem gleichsinnigen Schnittpunkt ab. Die Kreiskräfte, die er hier annahm, waren aber nichts anderes als das traditionelle, biblische Symbol für den Kreislauf der Natur. Im übrigen sagte er Symmetrie vorher, Magnet dreht sich um Draht, Draht dreht sich um Magnet. In einem Brief an Ampere, dessen wohl auch wenig überzeugenden Ableitungsversuch über Winkelfunktionen er nicht verstand, verglich er sich selbst mit einem "ziemlich ignoranten Navigator, dem man sagte, er solle unbeirrbar über See fahren mithilfe eines Kompasses, den er nicht verstand und also nicht die Kräfte, die ihn führen."(nach Faraday 1822, in 218)
Die Physik des 19. Jahrhunderts verdankt diesem gottgläubigen Mann Michael Faraday, der seine Gottgläubigkeit niemals expressis verbis in seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen erkennen ließ, ein völlig neues Kräftemodell, ein völlig neue Denken vopn physikalischen Beziehungen, einen neuen Begriff von Kraftgeometrien, nämlich den Begriff des Feldes. Die kleinen Kreise, die Faraday 1822 in sein Tagebuch malt, sind die Vorformen jener Felderscheinungen, die Faraday später "physikalische Linien elektrischer oder magnetischer Kraft" (Faraday in Sambursky, 1975, 536) nennen wird und deren reelle, physikalische Existenz Faraday als erster behauptet hat. Nicht nur Faraday hat an sie geglaubt, sondern jeder, der heute Physik betreibt, ist irgendwann gezwungen, sich dieses Bild von wandelbaren, zeitabhängig Geometrien von Anziehungen und Abstoßungen zu machen, die mal mit dem Namen magnetisches, mal mit dem Namen elektrisches Feld verbunden sind, woraus Albert Einstein, wie er selbst zugestand, die Idee der Relativitätstheorie abgeleitet hat.
Aber dazu mußte die Sache nun doch erst wieder mathematisiert werden und bevor dies möglich war, mußte einiges mehr herausexperimentiert werden, getreu der Faraday'schen Devise, daß die Mathematiker immer erst anfangen, wenn die Fakten klar sind. 1822 erkennt der Sandemanier Kreise von Kraft und Symmetrien, ob nun göttlich oder nicht. Er notiert sich in sein "Diary" bereits einen weiteren Befehl: 'Wandle Magnetismus in Elektizität um' (Lemmerich, 95), denn daß Elektrizität Magnetismus produziert, hatten ja Oerstedt und Ampere hinkänglich bewiesen. Was er die nächsten acht Jahre lang tut, sind Symmetrie-Experimente: Symmetrie zwischen Elektrizität und Magnetismus, zwischen Elektrizität und Licht, zwischen Elektrizität und Wärme. Es ergab sich nichts, bis aus Paris das Experiment des Physikers Francis Arago bekannt wurde, daß zeigte, wie eine sich drehende Kupferscheibe eine in der Achse darunterliegende Magnetnadel langsam ebenfalls kreisen ließ.(Abb Lemmerich, 128) Nicht Michael Faraday sondern Charles Babbage, sein Freund, den einige von Ihnen als Erfinder und Baumeister der "Analytic Engine" kennen mögen, jener Rechenmaschine mit Computereigenschaften, die leider nie fertig wurde, dieser Charles Babbage schrieb eine Analyse des seltsamen Experiment mit der drehenden Kupferscheibe, die langsam eine darunterliegende Magnetnadel zum Kreisen brachte, und hinterließ damit in Faraday Tagebüchern den wegweisenden Satz "time enters as an essential element" (Cantor, 242). Was nun eine weitere Frage der Symmetrie aufwarf, nämlich die von Elektrizität und Zeitverbrauch. Bis dahin mußte Faraday sich und der Welt demonstrieren, daß alle elektrischen Effekte instantan und ohne Zeitverbrauch abzulaufen schienen: der Strom, die Entladung, der induzierte Magnetismus.
Damit war die Stelle erreicht, die sechs Jahre später zum Erfolg führt: Faraday umwickelt einen häßlichen, zum Kreis geschmiedeten Weicheisenstab mit zwei voneinander getrennten Drähten, die jeweils für sich elektrisch abgeschirmte Wicklungen ergeben. (Abb bei Lemmerich, 120) Die rechte Spule ist mit einem Galvanometer verbunden, die linke mit einer Batterie. Bei Einschalten und beim Ausschalten des Stroms, der durch die linke Wicklung geht, beobachtet Faraday - und beobachten alle, die das Experiment seither nachgebaut haben - einen kurz-zeitigen, also von irgendeinem Zeitverbrauch abhängenden Ausschlag des Galvanometers. Erklärung: es wird in dem Stabmagneten ein Magnetfeld aufgebaut, das für den Zeitraum seines Aufbaus und dann auch seines Zusammenbruchs jeweils in der rechten Spule einen elektrischen Strom induziert. Faraday hat also das erste Mal Magnetismus in Strom verwandelt, wenn auch noch wenig nutzbringend, weil weniger als nanosekundenkurz.
Dieses Experiment führt Faraday nach wenigen Wochen zu gesuchten Umkehr des Arago'schen Scheibenexperiments (Abb in Faraday I, 29 + Feynman, 312). Eine Kupferplatte wird in das Magnetfeld eines Stabmagneten gebracht und gedreht; die Linien des Magnetfelds werden jetzt also regelrecht durch das leitende Metall "geschnitten", wie Faraday selbst sagen wird; so entsteht auf der Kupferplatte ein Strom, oder heute sagt man: eine elektromotorische Kraft, deren Stärke am Galvanometer abgelesen werden kann. Das ist erstaunlich und könnte an ein göttliches Wunder grenzen, tut es aber nicht. Denn es war und ist im Prinzip und wird immer sein: der Dynamo und der Elektromotor zugleich; überall dort, wo leitende Materialien magnetische Flußfelder schneiden oder umgekehrt entsteht Strom, Gleichstrom im Fall der Kupferplatte, Wechselstrom im Fall eines anderen, hier vorgestellten Induktionsapparates, der uns dann schon in das weite, weite Gebiet der Elektrotechnik führt, das ich hier garnicht erst eröffnen möchte. (Abb Meister, 183)
(Abb Messerbild, Faraday, 39) 1831, das Jahr, in dem dieses Bild in den Philosophical Transactions erschien, mit welchem Faraday die Messermetapher der durchschnittenen Feldlinien des Magnetismus graphisch verdeutlicht, wird James Clerk Maxwell (1831-1879) im schottischen Edinburgh geboren, also der Mathematiker - und Maxwell ist ein reiner Mathematiker ohne nennenswerte experimentelle Meriten -, der genau das tat, was den Glaubensmann in eine Mischung aus Erstarren und Schrecken versetzte, nämlich seine Feldlinienhypothesen in eine für Faraday hieroglyphische, für die übrige Welt mathematische Form zu bringen. Wir müssen es, was die Mathematik Maxwells betrifft, ebenfalls bei Hieroglyphen belassen, erstens weil ich nicht behaupten könnte, auch nach hunderten Seiten Feynman nicht, die vier Maxwellschen Grundleichungen in ihrer heutigen Form wirklich verstanden zu haben, zweitens weil diese vier Grundgleichungen in ihrer heutigen Form überhaupt nicht von Maxwell stammen, drittens weil die nötige historische Rekonstruktionsarbeit zum Beispiel den MIT- Wissenschaftshistoriker Jed Buchwald nach zwanzig Jahren immer noch beschäftigt und viertens, weil ohne ein Diplom in Physik das Ganze ihnen und mir wenig Spaß machen würde.
Ich würde Ihnen also von Maxwell nicht zu erzählen haben, wäre nicht über Maxwell die Theorie der Elektrizität wieder dorthinein tief eingegraben worden, woraus die biblische Schriftgläubigkeit sie fast vollständig gereinigt hatte: nämlich in eine übergreifende, ebenso imperialistisch mechanisch wie mystisch-spiritualistisch gedachte Ideologie des physikalischen Äthers.
Lord Kelvin, alias William Thomson, den ich eingangs zitiert habe, hatte das 19 jährige, frischgebacke studentische Mathematik-Genie James Maxwell höchstpersönlich, nämlich durch briefliche Anweisung, auf Faraday einerseits und seine eigene Wirbelschwamm-ähnliche Äthertheorie andererseits gestoßen und zu einer mathematischen Theorie des Ganzen animiert. In den Augen der Zeitgenossen hat Maxwell genau dies dann auch absolviert und mit 26 Jahren bereits ein Paper, mit 31 ein entsprechendes Büchlein herausgebracht, das die Kraftlinien der elektrischen und magnetischen Felder Faradays nach einem mechanischen Modell beschrieb.
Lord Kelvin, dessen Prominenz bis auf den Schreibtisch des späten Nietzsche reichte, hat die durch und durch mechanistische Devise der viktorianischen Physik nie verschwiegen. "Mir scheint", heißt es in den Baltimore-Lecture von 1884, "daß die Frage danach, ob wir ein anstehendes physikalisches Problem verstehen, in Wahrheit lautet: können wir ein entsprechendes mechanisches Modell konstruieren?"(Meya/Sibum, 212)[5]. Kelvin war sich in einer Art vorweggenommener physikalischen Europapolitik darin mit Hermann von Helmholtz einig: "Das Endziel der Naturwissenschaften ist", sagt der Führer der wilhelminischen Physik schon in den 70er Jahren, " die allen ... Veränderungen zu Grunde liegenden Bewegungen und deren Triebkräfte zu finden, also sich in Mechanik aufzulösen"(239). In Mechanik löst jetzt auch pflichtgemäß Maxwell die im Raum wirkenden Kräfte auf, die Faraday in biblischer Einfachheit mit einem gedachten Messer durchschneiden zu können glaubte. Das Modell ist dieses: (Abb Sambursky 554) Sie sehen in dieser Maxwellschen Abbildung einen Querschnitt durch sechseckige Röhren, die um ihre Mittelachse herumwirbeln. Das sollen die magnetischen Molekularwirbel des Äthers sein, die, wie sie sich erinnern, seit Descartes und Euler ja alle Materie durchdringen, also Eisen genauso wie Luft und das sogenanne Vakuum. Diese eckigen Röhren stehen in ihrer Längsrichtung unter Spannung und sind geschlossen wie die magnetischen Feldlinien Faradays. Also sind es genau genommen sechseckige Schläuche, die wir hier sehen, im Querschnitt; die aber können überhaupt nur um ihre Achse wirbeln, weil zwischen ihnen kleine Rädchen eingelagert sind, kleine runde Teilchen, die ermöglichen sollen, ideal und reibungsfrei, daß sich die Wirbelröhren überhaupt gleichsinnig drehen. Die Teilchen sind sozusagen bewegliche Transmissionsrädchen, die, wenn das System der magnetischen sechseckigen Wirbelröhren in Ruhe ist, in ihrer Lage weitgehend verharren. Wird aber durch äußeren Einfluß, sprich durch mechanische Arbeit, das System der wirbelnden Sechecke gequetscht oder geschnitten, zum Beispiel durch eine Kupferscheibe, die in das Magnetfeld hineingedreht wird, so werden jetzt diese kleinen Zwischenteilchen im rechten Winkel zum Röhren-System links oder rechts herausgedrückt und dieser Strom der herausderückten Teilchen entwickelt dann die elektromotorische Kraft der Elektrizität, so daß, "nach unserer Hypothese", schreibt Maxwell, "ein elektrischer Strom durch eine fortschreitende Bewegung der beweglichen Teilchen dargestellt wird, welche zwischen je zwei benachbarten Teilchen liegen"(555). Dieser Teilchenstrom drückt dann also wieder in die nächste Lage der magnetischen Wirbelröhren, wodurch sich die "elektromotorische" Kraft ausdehnt.
Strom, elektrische Spannung, Elektromotorik kommt nach dieser mechanischen Grundvorstellung aus einem im Grunde immer geschlossenen, gegeneinander verschobenen und sich fortgesetzt gegeneinander verschiebenden Röhrensystem, was also der Äther sein soll, in dem Strom nichts anderes als Spannungszustände, besser gesagt: verspannte Zustände, repräsentiert. Es gibt also bei Maxwell im klassischen Sinn keine geladenen Teilchen und also auch keine statische Elektrizität. Strom flotiert immer beliebig im Äther herum, grundsätzlich und immer. Seine Intensität ist jetzt nur noch von zwei Faktoren abhängig: erstens wie dicht dieses hier abgebildete Röhrensystem gelagert ist, also von der Dichtigkeit des Äthers einerseits; und zweitens also von den Widerständen, die den Teilchen entgegenstehen, aus diesem System rechtwinklig herauszufließen.
Mit dieser im Grunde simplen und wirklich sehr schön gedachten Mechanik, hatte Maxwell bereits 1861 den Elektromagnetismus revolutionär umgedeutet. Erstens: durch die Röhrchen und die Zwischenteilchen war eine untrennbare Einheit von Magnetismus = Röhrenschläuche und Elektrizität = rechtwinklig herausgedrückter Teilchenstrom formuliert; zweitens: in Materie hoher Ätherdichtigkeit, wie zum Beispiel Kupfer oder Eisen, passiert das Ganze mit hoher Intensität, sprich: messbaren Strömen; drittens: chemische Zersetzung, Hitzezufuhr und mechanische Arbeit sind dasselbe, nämlich einfach nur Quellen der Verspannung des Systems, die Strom erzeugt; viertens: Strom ist eine Effekt der Verschiebung von Teilchen, also immer der sogenannte "Verschiebungsstrom" und niemals Effekt einer Ansammlung von punktförmigen Ladungen;
Fünftens aber und letztens und nun doch ein wenig mathematisch aber nur, weil die Entdeckung revolutionär war, wie die Entdeckungen Kepplers und Newtons vorher: Maxwell konnte in seinem Modell eigentlich nur zwei empirisch ermittelbare Größen berücksichtigen, nämlich die magnetische Leitfähigkeit eines Materials (also zum Beispiel Eisen leitet Magnetismus tausend mal besser als Luft) und die elektrische Leitfähigkeit eines Materials (zum Beispiel Glas leitet Elektrizität 5 mal schlechter als Luft). Diese empirischen Werte waren längst bekannt und Maxwell fand heraus, daß der Kehrwert des Produkts aus magnetischer und elektrischer Leitfähigkeit eines Materials prinzipiell gleich dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit ist. Diese vergleichsweise einfache Formel: c hoch 2 = 1 / epsilon-null * mü-null ergab sich innerhalb der mathematischen Umsetzung des beschriebenen Äther-Modells und sie funktionierte mit einer Näherung von +/- 5 Prozent zum tatsächlich, damals bereits sehr gut bekannten Wert der Lichtgeschwindigkeit.
Das allerdings war der Hammer, den Maxwell aus puren Modellrechnungen da herausgefunden hatte, denn er bedeutete in den Worten von Maxwell, "that light consists in the transverse undulations of the same medium which is the cause of electric and magnetic phenomena"(Harman II,31) oder zu deutsch: "Licht besteht in transversalen Wellen desselben Mediums, das die Ursache für elektrische und magnetische Phänomene ist", eine Entdeckung aus dem Jahr 1860.
Maxwell hatte damit "einer der großen Synthesen der Physik" erreicht. Vor ihm gab es Licht, es gab Magnetismus und Elektrizität. Letztere beiden waren durch Oerstedt, Ampere und Faraday bereits zusammengerückt worden und nun sollte sich ergeben haben, daß Licht und alle optischen Phänomene nicht mehr "etwas anderes" wäre, sondern nur eine Abart von Elektrizität und Magnetismus? Kleine Stückchen elektrischer und magnetischer Felder, die sich im Äther ausbreiteten?(nach Feynman, 343)
Sie können sich die Aufregung vorstellen, die nach dieser unscheinbaren Formel-Entdeckung Maxwells in der viktorianischen Physik herrschte. Und sie werden jetzt vielleicht verstehen, warum James Clerk Maxwell, der ja bereits mit 48 Jahren starb, von seinen physikprofessoralen Anhängern wir ein Halbgott verehrt wurde. Hätte man damals schon die magnetischen und elektrischen Leitfähigkeit der verschiedenen Stoffe so exakt messen können, wie das heute geht, so wäre diese empirische Formel wie ein Weltwunder behandelt worden, aber das war ja nicht der Fall; daß die Lichtgeschwindigkeit eine Funktion aus zwei elektrischen Leitfähigkeitskonstanten ist, ist heute allgemein gültig, aber damals wußte man weder etwas über die Bedeutung dieser Fundamentalkonstante "Lichtgeschwindigkeit", die ja erst 50 Jahre später durch Einstein klar wurde, noch konnte die komplizierte Mathematik Maxwells schlüssig erklären, was die seltsame Quadratform der Material-Gleichung eigentlich bedeuten sollte.
Während für Kelvin, vor allem aber für wachsende Zahl der maxwellianischer Physiker wie Lodge, Tait, Fitzgerald und Heaviside, die Sache klar war, weil die Lichtgeschwindigkeitsformel ja die Existenz und Berechenbarkeit des Äthers nur noch einmal bewiesen hatte, nahm Maxwell selbst ab 1860 völlig Abstand vom Äthermodell, ziemlich stillschweigend und ohne Aufsehen, und setzte seine Mathematik, zehn Jahre später, in seinem Hauptwerk zur Elektrodynamik, auf ganz andere, nämlich die benannten vektoriellen und topologischen Füße. Im versteckten § 831 der "Treatise on Electricity and Magnetism" von 1873 ist für Maxwell der Äther verschwunden, denn für das Problem, sagt er, den Mechanismus für die mathematische Topologie der Feldkräfte zu finden, gäbe es "an infinite number of solutions"(31).
Darf ich kurz einflechten, daß von diesen, von allen ätherischen Mechanikmodellen gereinigten Gleichungssystemen Maxwells, die Feldkräfte ohne real existierende Ladungen beschreiben, Strom als bloße Verschiebungskräfte aus komplex verflochtenen, mal magnetischen, mal elektrischen Topologien anschreiben, daß aus diesen Abstraktionen die Relativitätstheorie ihren Ausgang nimmt? Es ist so und Einstein erinnert sich: "Der faszinierendste Gegenstand zur Zeit meines Studiums war die Maxwellsche Theorie .. und ich kann die Bemerkung nicht unterdrücken", sagt einstein, daß das Paar Faraday - Maxwell so merkwürdige inere Ähnlichkeiten hat mit dem Paar Gallileo - Newton, der erste [jeweils] die Zusammenhänge intuitiv erfassend, der zweite sie exakt formulierend und anwendend"(nach Lemmerich, 239).
Doch zwischen Maxwell 1860 und Einstein 1910 steht ein halbes Jahrhundert Äther-Utopie, Äther-Hysterie, Äther-Psychose, Äther-Spiritismus und Äther-Okkultismus, der sich ab 1896 dann noch durch ein real existierendes Medium ausbreiten konnte, das in der Maxwellschen Entdeckung ja begründet lag. Maxwells ganze Theorie basierte ja auf der kühnen Voraussage, daß elektromagnetische Effekte sich im Prinzip im Raum und nur im konkreten Fall an oder in einem Leiter, an oder in einem Kondensator, eine Leidener Flasche, einer Voltaschen Batterie abspielen. Nur war auch Maxwell völlig unklar, wie aus dieser sehr allgemeinen Behauptung es zum Beispiel möglich sein könnte, tatsächliche, experimentell nachweisbare elektromagnetische Effekte im Raum, also Raum-Wellen zu erzeugen. Wir wissen ja, daß Heinrich Hertz genau dies 1886 gelungen ist, woraus das Medium Radio folgte. Aber ich werde ihnen das nächste Mal zeigen, daß selbst Heinrich Hertz zunächst überhaupt nicht den Plan hatte, elektromagnetische Wellen herzustellen, und zunächst auch nicht glaubte, solche Wellen gefunden zu haben und seine Entdeckung erst nach zwei Jahren wirklich verstand.
Maxwell kannte den Mechanismus der Erzeugung der Raumwellen nicht, aber das war ja nur eine Folge seiner theoretischen Vorsicht in Bezug auf die Festlegung, nach welchen Mechanismen seine Theorie eigentlich funktionieren sollte. Anders seine Anhänger. Für Oliver Lodge, dem wichtigsten Maxwellianer, dessen Arbeiten Helmholtz persönlich auf deutsch übersetzen ließ, ist die Frage der Erzeugung von Raumwellen sekundär, - er ist bereits überzeugt, daß sie bereits existieren und Wirkung zeigen. Lodge war, seit den frühen 80er Jahren, Mitglied jener Vereinigung, die sich Society for psychical research nannte und lebende Medien, also Menschen mit außergewöhnlich scharlatanigen Eigenschaften untersuchte. Lodge hielt einen Vortrag über "Gedankenübertragung" im Jahre 1884. Wie können wir wissen, daß Gedanken, die wir haben, nicht Botschaften anderer sind, fragt er in diesem Vortrag, zum Beispiel Botschaften von Toten? Zusammen mit dem Chemiker William Crooke untersucht er das Medium Daniel Douglas Hume und ist, mit Crooke, von dessen Fähigkeiten überzeugt, Befehle an sein kleines Akkordeon via Kopftelepathie geben zu können, sodaß das Ding zu spielen anfängt. Als Lodge's Sohn 1916 auf den französischen Schlachtfeldern fällt, will er dies Unglück selbst zuvor via Äthertelegrafenpost erfahren haben, schreibt er in seinem Buch "Raymond". 1927, als es das Radio längst gibt, veranstaltet er im geheiligten BBC, in deren Erwachsenenbildungsrat Lodge tätig ist, eine Massentelepathie-Sendung: der Professor schweigt und die Hörer sollen schreiben, was er denkt, 25 tausend tun es, aber die Ergebnisse sollen nicht eindeutig gewesen sein. Sein Testament verpackt Oliver Lodge in sieben ineinander verschachtelte Briefumschläge und bittet, daß alle diese Umschläge jeweils nur in spiritistischen Seancen geöffnet werden sollen, welchen er, aus dem Jenseits, die Botschaft einzugeben versuchen werde, was jeweils in dem nächsten Umschlag versteckt sei. Die ersten beiden Umschläge wurden 1947 in Seancen geöffnet, ohne Erfolg. Der letzte war Gegenstand einer Lodge-Seance am 19. Mai 1957. Man fand einen Zettel mit Notenlinien, darauf eine Klavierübung für Kinder. Einer der Beteiligten an der Seance will diese Übung während der Öffnung des Umschlags gehört haben; warum auch nicht.(nach Edwards 1994, 34ff)
William Crookes und Oliver Lodge haben der spiritualistischen Tendenz, die es beispielsweise in der englischen Literatur seit 1850 bis hin zu Elisabeth Bowen (Demon Lover) oder Rosamund Lehmann (Invitation to the waltz), also in die Gegenwart gibt, verstärkt, offiziell gemacht, sanktioniert, so daß sich zwischen 1880 und 1910, also in der sogenannten Zeit der Avantgarde, nicht nur im beginnenden Futurismus, sondern auch bei Kandinsky, Schönberg, Boccioni und vielen anderen Avnatgardisten des Kubismus und Jugendstil jener Hang entwickelt, den Edward Munch 1891, beispielsweise. in folgende Gedichtzeilen steckt:
Gibt es Geister?
Wir sehen was wir sehen - denn wir haben solcherart beschaffene Augen / Was sind wir? .... / Hätten wir anders beschaffene Augen / könnten wir wie mit Röntgenstrahlen ... / unsere äußeren Flammenringe sehen / und die Menschen in anderen Gestalten /
Weshalb also sollte nicht andere Wesen / mit leichteren, gelösten Molekülen / sich in uns und um uns bewegen - / Seelen von Verstorbenen - / Seelen unserer Liebsten - / und böse Geister. (Nach Apke 1995, 156)

[1]

 Wenn also zuträfe, was zum Beispiel der zurecht so geschätzte Germanist Peter Szondi von dem Vorzug der "philologische Erkenntnis" sagt, nämlich daß sie "unverminderte Gegenwärtigkeit auch noch der ältesten Texte." (1970, 11) vor Augen habe - so gründet dieser radikale Anspruch der Philologie auf der simplen Tatsache, daß es das Speichermedium "Text" irgendwie unverbrüchlicherweise gibt. Dem Radio fehlt dieses Speichermedium von Anfang an aufgrund seiner elektrischen Beschaffenheit. Das ist der Grund, warum wir nicht einfach philologisch an das Medium herangehen können, seine "Texte" lesen, seine Essays, seine Hörspiele, seine Ansagen, was ja viele Medientheorien einfach machen, aber wohl nur, um eine in die Jahre gekommene Philologie nicht ganz brotlos werden zu lassen. Und sicher: Später, vor allem nach 1945, wird es auch im Radio Speichermedien geben, Platten und Tonbänder, und von ihnen wird mehr als je zuvor gesendet werden, aber nur, wir werden das sehen, um eine neue Ordnungsfunktion des Mediums zu implementieren und nicht mehr. Das Radio läuft, strikt und streng formal gesprochen, "speicherlos" auf der Zeitachse und ist genau deshalb in einer Entwicklung unabgeschlossen, sozusagen ungestört von Spuren, die das Medium erst garnicht nicht hinterläßt. Sein Ende ist vorläufig offen.
[2] Mein geliebtes Handbuch "Der Radio-Amateur" von 1924 spricht eben noch 1924 von dem "Äthermeer", das die elektromagnetischen Energien nach allen Richtungen durcheilen und "von denen nur ein überaus winziger Bruchteil den fernen Empfänger erreicht".(Lertes 1924, 52) Hans Bredow, Rundfunkgründer und gelernter Ingenieur, wird noch 1954 seine Memoiren "Im Banne der Ätherwellen" übertiteln und wir werden bei Richard Kolb, dem Ahnherrn der Deutschen Hörspieltheorie, eine wahre Kosmogonie des Ätherphantasmas mit konkreten Folgen für die Zurichtung der Stimme im Radio entdecken.
[3] Das Radio ist das historisch erste Medium, das sich menschliche Rezipienten verschafft, deren Natur wir in der Natur nicht mehr antreffen. Gleichzeitig aber war und ist das Radio Teil eines physikalischen Diskurses. Das Radio ist ja niemals als solches erfunden worden, sondern bestenfalls, wir werden das noch genau betrachten, Seiteneffekt einer Etappe auf dem Wege der Entdeckung der Naturgesetze der Elektrizität. Und welche Natur haben diese Naturgesetze der Elektrizität?
[4] Ebenso erklärt uns Feynman, - ich erinnere an unsere letzte Sitzung -, daß Magnetismus ein relativistischer Effekt ist, nur eine andere Existenzform bewegter elektrischer Ladung, während der Abstand zwischen Elektron und Atomkern durch das existierende Unschärfeprinzip geregelt sei, so daß - ich habe das letzte Mal darüber gesprochen - Elektronen (negativ geladen) und Positrone im Kern (positiv geladen) deshalb nicht ineinanderstürzen, weil die Unschärferelation sie davon abhält. Bis auf den heutigen Tag aber kann die moderne Physik zwischen Relativitätstheorie und Unschärferelation kein Zusammenhang erkennen(117).[5]

3 "Wir kennen [den Äther] in vielen Einzelheiten besser als irgendeine andre Art Materie", stellt der berühmte und im 19. Jahrhundert unbestrittene Physiker Lord Kelvin alias William Thomson noch 1884 voller Überzeugung fest. "Ich glaube allerdings", so Kelvin, "daß eine wirkliche Materie zwischen uns und den entferntesten Sternen vorhanden ist und daß [das] Licht in wirklichen Bewegungen dieser Materie besteht, Bewegungen nach Art transversaler Schwingungen." Ich füge ein: In den zwanziger Jahren des Jahrhunderts hatte der Militäringenieur und Physiker Agustin Jean Fresnel bewiesen, daß Licht nicht aus horizontalen, sondern transversalen, d.h. senkrecht zur Ausbreitungsrichtung verlaufenden Wellen besteht, daß Licht beugbar ist, polarisierbar, und eine berechenbare Wellenlänge hat. Damit aber war auch klar, daß ein Medium existieren müsse, in welchem sich die Wellen ausbreiten, - eben der Äther. Es "muß eine Substanz von äußerster Einfachheit sein." Sagt Lord Kelvin. "Wir müssen uns vorstellen, daß er eine Substanz bedeutet, deren Grundeigenschaft die ist, nicht zusammendrückbar zu sein, eine gewisse Starrheit für Schwingungen zu besitzen, ..., und dennoch absolut nachgiebig zu sein."(Kelvin 1909, 6) "Ich behaupte", so Kelvin weiter, "daß wir mehr über [den Äther] wissen, als wir über Luft oder Wasser, über Glas oder Eisen wissen - er ist einfacher, man hat eben weit weniger über ihn zu wissen. Das will sagen: die Naturgeschichte des Lichtträgers, des Äthers, ist ein unendlich viel einfacherer Gegenstand als die Naturgeschichte irgend eines anderen Körpers".

Kelvin und mit ihm die ganze viktorianische Physik behaupten einen Stoff, der den ganzen Weltraum ausfüllt, durch die Poren aller wägbaren Materie dringt, ja selbst durch Atome durchzieht und zwar so, "wie der Wind durch eine Baumgruppe bläst"(409).